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Sozial und ökologisch, ernsthaft und humorvoll –
Wir trauern um den Künstler Martin Kaltwasser

»Ja, ich und einige andere Künstler:innen würden mit unserer Kunst immer noch gerne die Welt ein wenig besser machen wollen.« | Martin Kaltwasser, 2022

Der lange mit dem DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst verbundene Künstler und Architekt Martin Kaltwasser ist gestorben.

Der Künstler hat sich früh – mit seiner damaligen künstlerischen Partnerin Folke Köbberling – mit der »Villa Hörstel« in die Gravenhorster Kunstgeschichte eingeschrieben. Das Künstlerduo gehörte 2006 zu den allerersten Projektstipendiaten des DA, Kunsthaus-Stipendiums »KunstKommunikation«.
Das – zunächst sehr umstrittene, später umso beliebtere – Do-It-Yourself-No-Budget-Recycling-Haus war ein interdisziplinäres Kunstprojekt über soziale Architektur, Lebensformen, Konsum, Partizipation und Sehnsüchte und es sorgte gleich zu Beginn des DA, Kunsthauses für einige Furore.
Für das Künstlerduo war »Villa Hörstel« das erste Kunstprojekt außerhalb Berlins und Auftakt ihrer internationalen künstlerischen Karriere. Danach folgten Arbeiten für angesehene Kunstorte und große Kunstfestivals im Inland, aber auch weltweite Ausstellungen und Kunstprojekte, zahlreiche Stipendien und Preise, sowie Gastprofessuren an Hochschulen, u.a. in Pasadena (Kalifornien) und in Kassel.

Im Rahmen der großen Ausstellung »Hidden Landscapes« wurde Martin Kaltwasser – nun 16 Jahre später – eingeladen, eine große Installation zum Thema Landschaft in Zeiten des Anthropozäns für den Außenraum des DA zu konzipieren.
Inzwischen Professor für Bildhauerei am Institut für Kunst und Materielle Kultur der TU Dortmund, hat der Künstler sich sofort entschieden, die Installation auch als Präsentationsplattform für seine Studierenden zu gestalten.

Auch nach ihrer Eröffnung im Juni erlebte die ortsbezogene Work-in-Progress-Arbeit durch den Künstler und die beteiligten Studierenden eine sukzessive Veränderung und erreichte im September ihren finalen Zustand. Die raumgreifende Außeninstallation besteht aus Carports, Gewächshäusern und Autos, die zu einem Lastenfahrrad und zu Guckkästen umgewandelt wurden, sowie aus einem Aussichtsturm mit Münzfernrohr. Sie ermöglicht einen räumlichen und gedanklichen Perspektivwechsel auf den Ort, den sie zugleich verändert und als soziale Skulptur nutzbar macht. Die Installation dient aber auch als außergewöhnlicher Ausstellungsort für künstlerische Werke von Studierenden u.a. zu den Themen Nachhaltigkeit, klimaneutrale Produktion, Architektur- und Stadtplanungsutopien.

Diese Vorgehensweise war typisch für Martin Kaltwasser: Es ging ihn nicht um sich selbst, um seine persönlichen Vorteile und darum, nur das eigene Werk zu protegieren, sondern immer um die Sache, um gute Kunst und darum, andere daran teilhaben zu lassen. Partizipation und Kollaboration wurden von ihm gelebt. Das Soziale und Ökologische standen inhaltlich im Vordergrund.
Die Frage »Wie können wir besser leben, miteinander, in der Gesellschaft und mit der Umwelt?« zog sich mit großer Konsequenz durch seine Kunst und bestimmte auch die Ästhetik seiner Installationen und Kunstprojekte. Die Fragen von Mobilität und Umgang mit Ressourcen, eine sozialere Architektur und Stadtplanung, sowie eine Rückermächtigung des zunehmend kommerzialisierten öffentlichen Raumes waren seine künstlerischen Themen. Recycling und die Nutzung von Altholz und gesammelter Bauabfälle aus dem öffentlichen Raum waren bestimmend für die Materialwahl seiner Werke. Nur wenig Neues wurde dazugekauft und wenn dann in den allermeisten Fällen – nach dem Abbau – für kommende Kunstprojekte wiederverwertet.

Diese Grundhaltung bestimmte aber nicht nur Martin Kaltwassers Kunst, sie war auch Maßstab seines persönlichen Lebens. Immer reflektierend war er darum bemüht, so wenig und fair wie möglich zu konsumieren. Auch wenn es mühsam war und seine Arbeit z.T. beschwerlicher machte: Kein eigenes Auto zu besitzen, sondern sich immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrrad und zu Fuß fortzubewegen, nicht zu fliegen und in jeder Hinsicht die eigene co2-Fußspur so klein wie möglich zu halten, war für ihn seit vielen Jahren eine Selbstverständlichkeit. Auch das ländlich abgelegene und nicht einfach erreichbare Gravenhorst hat er mit dem Zug und seinem Klapprad angesteuert. Immer hat er abgewogen, was in seiner Kunst und in seinem Leben vertretbar ist und was nicht.

Bei aller Ernsthaftigkeit und Konsequenz spielte leichtfüßige Improvisation und Humor eine große Rolle in seiner Arbeit. So hat er mit der preiswerten Entsorgung alter Thermopen-Fenster durch »teilnehmende« Bürger:innen für »Villa Hörstel« nicht lange gehadert, sondern diese in eine schöne Glasarchitektur verwandelt. Auch die »illegale« Nutzung des Raums am Back- und Brauhaus als Parkplatz hat er bei der aktuellen Installation »Die vierte Ebene« kurzerhand beendet, indem er den Platz künstlerisch besetzte und für das Publikum nutzbar machte.

Martin Kaltwasser hat mit nur zwei Installationen – »Villa Hörstel« (2006) und »Die vierte Ebene« (2022) – das künstlerische Profil des DA stark geprägt und Maßstäbe gesetzt. Für die ausscheidende Leiterin Berit Gerd Andersen rahmte er damit ihre Wirkungszeit in Gravenhorst ein.

Mit der aktuellen Außeninstallation hat Martin Kaltwasser in Gravenhorst ein letztes, großes künstlerisches Zeichen gesetzt. Er konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Finissage am 28.10. teilnehmen. Einige Tage später wurde er plötzlich – im Alter von 57 Jahren – aus dem Leben gerissen. Wir haben nicht nur einen wichtigen DA-Künstler verloren, sondern auch einen guten Freund. Wir sind sehr traurig und schockiert und sind in Gedanken bei seiner Familie.

Für das Team des DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst

Sara Dietrich und Berit Gerd Andersen

Martin Kaltwasser im DA, Sommer 2022